Dr. Berit Stange sieht die stoffliche Welt aus einem besonderen Blickwinkel: „Manche sehen Abfall. Ich sehe Rohstoff."

„Als Chemikerin sehe ich die stoffliche Welt aus einem besonderen Blickwinkel“, sagt Dr. Berit Stange, Projektleiterin Kreislaufwirtschaft Polyurethane. Im Blog erzählt sie ihre Liebesgeschichte mit der Chemie, und verrät, wie sie als Chemikerin in der Industrie an den ganz großen Zukunftsfragen der Menschheit mitarbeiten kann.

„Meine Beziehung zur Chemie begann eher zögerlich. Anfangs war ich nämlich von meinem Studium gar nicht begeistert. Anorganische Kristallstrukturen und Heisenberg’sche Unschärferelationen sind doch sehr abstrakte Spezialgebiete der breiten Wissenschaft Chemie. Meine Einstellung änderte sich dann schlagartig, als es um Polymere ging, das sind lange Ketten von Molekülen. Hier wurde es superspannend, denn die Polymerchemie ist eine Art Bausteinkasten der Chemie. Es ist die Kunst, aus einem zum großen Teil schon vorhandenen Repertoire an Bausteinen – den Monomeren – durch die Wahl von selektiven Katalysatoren und neuen Technologien Materialien mit neuen Eigenschaften zu versehen und neue Funktionalitäten zu entdecken. Man beginnt mit physikalischen Eigenschaften des Endproduktes, daraus leiten sich die physikalischen Eigenschaften des Kunststoffs ab und schlussendlich betrachtet man die die Vielfalt an Bausteinen, ergänzt sie gegebenenfalls um einen neuen und setzt diese zu einem Bauwerk zusammen – der Polymerisation. Hier entscheidet sich, ob der Plan gelingt und ein Material – im Falle der Urethane ein Schaum – weich oder hart, atmungsaktiv oder isolierend ist. Oder wie im Falle der großen Covestro-Innovation cardyon® zum Beispiel das klimaschädliche Abgas CO2 als Baustein enthält und somit weniger fossile Rohstoffe zur Synthese benötigt werden.

Gleich in meinem ersten Job konnte ich diese Vielschichtigkeit hautnah erleben: Als Laborleiterin am damaligen Bayer-Standort Krefeld-Uerdingen habe ich nämlich ein neues spannendes Thema kennengelernt: Wie schütze ich die Nutzer von Produkten aus modernen Kunststoffen vor Feuergefahren? Denn diese entstehen, wenn man Metalle durch ölbasierte Hochleistungsmaterialien ersetzt. Und wie kann ich Polymere flammschützen, ohne dass sie ihre Hochleistungseigenschaften verlieren? Zusammen mit einem globalen Expertenteam konnte ich neue Rezepturen entwickeln, damit die Produkte unserer Kunden immer den aktuellen Flammschutznormen entsprechen.

Vom Labor ins technische Marketing

Diese anwenderorientierte Forschung war sehr spannend, aber ich wollte mehr. Es lag mir am Herzen, die Kunden und ihre Bedürfnisse noch besser zu verstehen, um den strategischen Blick auf die Anwendungsentwicklung zu schärfen. Ich habe mich deshalb nach fünf Jahren in der Forschung einem neuen Aufgabenfeld zugewandt, nämlich der Markteinführung neuer Produkte. Hier konnte ich auf ganz andere Weise einen Beitrag zur industriellen Forschung leisten und Projekte voranbringen. Denn neu entwickelte Materialien bringen den Kunden ja auch neue Funktionalitäten. Diese Produktvorteile sind aber oft komplex und bedeuten stets die Anpassung der hoch entwickelten Prozesse der weiterverarbeitenden Industrie. Hier ist das technische Marketing gefragt, als Übersetzer zwischen den technischen Anforderungen der Kunden und den neuen Produkten der Forschung zu agieren. Diese Rolle habe ich zunächst bei unseren Kunden im Bereich Elektro & Elektronik, also den großen Herstellern von Lichtarmaturen, Sicherungskästen und Stecksystemen, später bei den Anwendungen in der Medizintechnik – mit ganz neuen Anforderungen an die Reinheit und Verlässlichkeit von Produkten - übernommen.

Eine neue Herausforderung: cardyon®

Alles begann mit der Frage: „Möchtest Du die Projektleitung cardyon® übernehmen?“ Nach den ersten Stunden des Einlesens in die Materie wurde mir klar: Die Einführung von cardyon® ist kein „normales“ Projekt, es ist keine Verbesserung eines existierenden Materials – es ist etwas revolutionär Neues und es kann ein neues Kapitel im Bereich der industriellen Polymere werden. Diesen Job wollte ich unbedingt machen. Ich hatte zwar zum gleichen Zeitpunkt noch ein anderes, attraktives Angebot, aber die einmalige Chance, ein ganz neues Produkt von Anfang an zu begleiten, ihm den Weg zu bereiten und es wachsen zu sehen, das wollte ich tun! Und so kam es dass ich mich auf die Stelle als Venture Manager cardyon® beworben habe.

Was hat cardyon®, was andere Polyole nicht haben?

Der Kohlenstoff, den man zur Herstellung von Polyolen benötigt, wird üblicherweise aus Erdöl gewonnen. Für cardyon® ersetzen wir Erdöl basierte Bausteine teilweise durch CO2 – das heißt, wir verwandeln ein klimaschädliches Abgas, in einen wertvollen Rohstoff! cardyon® schont also die endlichen fossilen Ressourcen der Welt und erschließt zusätzlich für die Industrie einen neuen Rohstoff. Das ist superspannend. Damit leistet cardyon® einen ersten Beitrag zur Kreislaufwirtschaft, in der man das Abgas CO2 in die Wertschöpfungskette zurückführt. Um diese Transformation zur Kreislaufwirtschaft weiterhin zu beschleunigen, beschäftige ich mich zurzeit aktiv in einem weiteren Projekt, das ich leite: Es geht um die direkte Verwertung von polyurethanbasierten Produkten nach ihrem „ersten“ Leben als Matratze und die Rückführung der Abfallströme in den Kreislauf.

So können wir Dinge bewegen

Das Projekt Kreislaufwirtschaft, das ich seit Oktober 2018 nach meiner Aufgabe für cardyon® betreue, ist ein Jahrhundertprojekt und für eine Chemikerin die Chance, sich für die Zukunft unseres Planeten einzusetzen. Es geht dabei um die Frage, wie wir es schaffen, die Vorteile von modernen, kunststoffbasierten Bauteilen und Produkten mit den Nachhaltigkeitsbedürfnissen der Menschheit und der Erde, auf der wir leben, zu kombinieren. Wir untersuchen, welche Komponenten wir recyceln und zurück in die Wertschöpfungskette bringen können. Das bedeutet: Wo andere Abfall sehen, sehen wir mögliche Rohstoffe. Betrachtet man die Plastiktüte im Ozean mal als Kohlenstoff, ist das nicht nur ein Umweltproblem, sondern es ist auch zu schade um den kostbaren Rohstoff. Die Herausforderung ist, den Kohlenstoff, den wir hauptsächlich für die Herstellung von Materialien nutzen, besser und effektiver einzusetzen. Wir arbeiten deshalb an neuen Technologien, um unsere Rohstoffbasis weiterhin zu verbreitern. CO2 können wir bereits als Rohstoff einsetzen und wir arbeiten an einer Verbreiterung der Plattform-Technologie. Covestro will das wichtige Element Kohlenstoff intelligent und konsequent nutzen und CO2 in möglichst vielen Kunststoffarten verwenden. Zudem arbeiten wir gemeinsam mit Industriepartnern an Recyclingtechnologien und beschäftigen uns mit der Frage, was am Lebensende mit einer Matratze passiert und wie wir die Rohstoffe daraus wieder zurück in den Kreislauf bringen können. Und hier schließt sich auch bei meiner Karriere ein Kreis: Begonnen habe ich mit der Leidenschaft, Polymere AUFZUBAUEN. Jetzt geht es darum, sie im Dienste der Nachhaltigkeit wieder in ihre Bestandteile zu zerlegen und in die Wertschöpfungskette zurückzuführen. Da liegt die Zukunft von Covestro und auch meine Zukunft.